Professor Hautnah! Mit: Prof. Dr. Cirpka

Wie aus dem Student Olaf Cirpka ein Professor wurde – ein Gespräch über den Beginn und den Verlauf einer Karriere, über die aktuelle Umweltproblematik in der Wissenschaft und in der Gesellschaft und warum es gut ist, ein gelbes Homer-Simpsons-T-Shirt zu tragen. 


von Monique Patzner und Pablo Streich

 

Diese Collage fertigte Prof. Dr. Cirpka exklusiv für den Südweiser! / © Olaf Cirpka

Diese Collage fertigte Prof. Dr. Cirpka exklusiv für den Südweiser! / © Olaf Cirpka

 

SÜDWEISER: Herr Cirpka, 1986 beginnt ihre Unilaufbahn in Tübingen. Wie sind Sie auf Tübingen gekommen und warum sind Sie denn nicht gleich hier geblieben?

Prof. Cirpka: Als ich meinen Zivildienst abgeschlossen hatte, habe ich immer noch nicht gewusst, was ich genau studieren soll. Das geht also auch Leuten, die später Professor werden, so. Ich habe dann in Tübingen angefangen Biochemie zu studieren. Schnell wurde mir klar, dass das nicht meine Welt ist. Die ganze Zeit im Labor stehen ist nicht mein Ding. Meine Mutter hat mich dann schließlich auf den neuen Studiengang Geoökologie in Karlsruhe aufmerksam gemacht. Besonders reizvoll fand ich es, im allersten Jahrgang zu sein. Hätte das nicht geklappt, hätte ich wahrscheinlich Biologie studiert.

SÜDWEISER: 1986 war ja auch ein sehr folgenschweres Jahr – die Katastrophe in Tschernobyl und der Chemieunfall des Konzern Sandoz, bei dem 20 Tonnen hochgiftige Pestizide und Insektizide in den Rhein gelangen. War das auch der Grund, warum Sie sich für Geoökologie entschieden haben?

Prof. Cirpka: Das war nicht der ausschlaggebende Grund. Ich war damals politisch sehr aktiv. Ich war zu der Zeit Kreisrat im Landkreis Ludwigsburg sowie Mitglied im Landesvorstand der Grünen Baden-Württemberg. Ich vertrat zunächst die Meinung, dass Ökologie etwas ist, was man macht, nicht was man studiert. Da ich aber später qualifiziert mitreden wollte, entschied ich mich für den Studiengang. Ich wollte ein guter Naturwissenschaftler werden, damit ich später in die politische Diskussion Informationen einbringen würde, die Hand und Fuß haben.

SÜDWEISER: Später ist es schwer für den Geoökologen Fuß zu fassen. Für den Biologen ist er zu sehr Geowissenschaftler, für den Geowissenschaftler zu sehr Biologe. Geoökologie ist ein sehr generalistischer Studiengang. Ist das ein Nachteil?

Prof. Cirpka: Ich sehe das nicht ganz so. Für Ingenieure ist das so, das ist ganz klar. Ein Ingenieur ist dadurch definiert, dass er technische Mechanik und höhere Mathematik gehört hat. Für die richtigen Geologen war ich aber auch nie ein richtiger Geowissenschaftler, weil ich keinen Kartierkurs gemacht habe, und ganz ehrlich, bei den Gesteinsbestimmungsübungen hier an der Uni würde ich glatt durchfallen.

Auf der anderen Seite glaube ich, dass man, wenn man etwas bewegen will, genau an diesen Grenzflächen sein muss. Das sagen auch alle. Nur wenn es dann um die Besetzung von Stellen geht, hat man lieber einen mit „gleichem Stallgeruch“. Einer, der kein Physiker ist, wird nie Physikprofessor. Da ist es völlig egal, wie physikalisch er gearbeitet hat. Ich glaube bei den Chemikern ist das ähnlich. Und das ist schade, denn es gibt Wissenschaftler, die kommen zum Beispiel aus einem Umweltstudiengang, haben aber sehr lange und intensiv chemische Analytik betrieben, dennoch bekommen sie keine Professur für chemische Analytik.

Ich bin jedoch der Meinung, dass man alles lernen kann. Ich glaube nicht, dass eine bestimmte Grundausbildung einen dauerhaft prägt.

SÜDWEISER: Würden Sie denn nochmal Geoökologie studieren?

Prof. Cirpka: Ehrlich gesagt: nein. Jetzt würde ich Umweltnaturwissenschaften in Tübingen studieren. Das würde mir sehr gut liegen. Die Tübinger Geoökologie ist mir zu biologielastig; was sehr interessant ist, wenn man das mag. Für meinen Geschmack ist da aber zu wenig Physik drin.

SÜDWEISER: Nach Karlsruhe ging es nach Stuttgart, wo Sie 1997 Ihre Doktorarbeit geschrieben haben. 1999 gingen Sie dann nach Stanford. Wie sind sie dahin gekommen?

Prof. Cirpka: Als Doktorand wurde mir irgendwann klar, dass ich nach der Promotion weitermachen will. Thematisch habe ich mich in meiner Doktorarbeit mit numerischen Methoden des reaktiven Stofftransports und der Vermischung von Stoffen im Grundwasser beschäftigt. Da wollte ich weiter machen und Peter Kitanidis, bei dem ich dann in Stanford Postdoc war, war Spezialist auf diesem Gebiet. Als er in Zürich einen Kurs gegeben hat, habe ich mich mit ihm getroffen. Schließlich hat er zugestimmt.

Ich hatte in Stanford ein Stipendium der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), d.h. es hat der Stanford University gar nichts gekostet, dass ich gekommen bin. Das hat das Ganze natürlich erleichtert. Inhaltlich lief es dann sehr gut. Ich bin damals zum ersten Mal so richtig wissenschaftlich produktiv gewesen und habe zusätzlich einen Doktorandenkurs geleitet. Wir waren außerdem an einem großen Projekt zur mikrobiellen Immobilisierung von Uran am Oakridge National Laboratory beteiligt, wo während des Zweiten Weltkrieges Uran für die erste Uranbombe angereichert worden ist.

SÜDWEISER: Dann ging es erst wieder nach Stuttgart zurück und schließlich kamen Sie über die Schweiz wieder nach Tübingen. Hat Ihnen die Stadt damals schon so sehr gefallen, dass Sie unbedingt zurück wollten?

Prof. Cirpka: Für mich stand fest, dass ich Professor werden wollte. Ich hab mich für mehrere Professuren beworben, was als Geoökologe nicht so einfach war. Die Kollegen vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften in Tübingen kannte ich relativ gut. Zum Beispiel Prof. Grathwohl oder Prof. Haderlein. Man kennt sich einfach, denn die Grundwasserszene ist ja nicht so groß. Hinzu kam, dass schon relativ früh absehbar war, dass diese Stelle hier kommen und ich mich darauf bewerben würde.

SÜDWEISER: Neben ihrem Werdegang interessiert uns natürlich auch ihre Meinung zu aktuellen Themen. Wo sehen Sie den heute die größte Umweltproblematik, sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Gesellschaft?

Prof. Cirpka: Ich konzentriere mich jetzt erst einmal auf meinen Bereich, was die wissenschaftliche Problematik angeht. Fakt ist, dass wir in den letzten dreißig Jahren immer mehr Detailwissen gesammelt haben – immer genauer. Man darf dabei nicht vergessen, die einzelnen Puzzleteile wieder zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Vieles von dem Detailwissen, das wir haben, ist vielleicht für das Gesamte gar nicht so relevant. Auszusortieren was man wirklich braucht – das ist meiner Meinung nach ein ganz dickes Brett. Und je mehr man sich in seinem Spezialgebiet vertieft hat, umso größer werden auch die fachlichen Gräben. Es wird also weiterhin Herausforderungen für Interdisziplinarität geben.

In der Gesellschaft sehe ich ehrlich gesagt gar nicht so die großen Herausforderungen für Deutschland. Eher global. Da gibt es Länder, die jetzt schon wenig Wasser haben, und bei denen heißt Klimawandel, dass sie noch weniger Wasser haben werden. Ganz schwierig wird es für die Schwellenländer, die im Grunde genommen, den gleichen Lernprozess machen wie wir – und die gleichen Fehler. Also man will dann erst die ökonomische Entwicklung, alle wollen Sie zum Beispiel ein Auto haben. Und wir wissen ganz genau, welche Umweltprobleme das mit sich bringt. Das hatten wir hier in den 60ern und 70ern.

Da kommen noch ein paar richtig große Probleme auf uns zu. Welternährung wird ein ganz großes Thema werden. Die Weltbevölkerung wächst, die Menschen werden reicher, die Menschen in Ländern wie China und Indien, da reden wir von 2 Mrd. Menschen, wollen jetzt genauso viel Fleisch essen wie wir. Und gleichzeitig wird an anderen Orten der Anbau schwieriger, d.h. es wird mittelfristig zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft in unseren Breiten kommen, weil es bei uns geht. Also viele Fortschritte, die man jetzt gemacht hat in Richtung Naturschutz, werden irgendwann mal, wenn man die Weltverantwortung wieder wahrnimmt, aufgefressen werden.

SÜDWEISER: Nehmen wir mal an, Sie wären Bundeskanzler oder amerikanischer Präsident, was würden Sie sofort ändern, wenn alles möglich wäre?

Prof. Cirpka: Das sind so Fragen, die man sich als Student noch gerne stellt. (Er lacht.) Also, wenn ich ein Weltherrscher wäre, da reicht es nämlich nicht aus amerikanischer Präsident zu sein, dann würde ich mit dem Klimaschutz ernst machen. Aber richtig, und das tut weh. Und da geht’s nicht darum, eine böse Industrie zu bestrafen. Das denken nämlich Leute aus meiner Generation: da gibt es eine böse Industrie, die es zu bestrafen gilt. Dabei sind wir ja selber die Ökoschweine. Wir wollen mit dem Auto rumfahren. Wir wollen billig nach Mallorca fliegen und wir wollen alles Mögliche machen – was viel Energie kostet! Bleibt nur die Frage, wie man das erreicht, ohne politisch als Zuchtmeister dazustehen. Alles zu verbieten, ist sicherlich keine Lösung. Wahrscheinlich muss man alles richtig teuer machen.

Das Problem ist, dass wenn sich ein Land für den Klimaschutz einsetzt, dann bringt es sich ja leider erstmal in eine ökonomisch benachteiligte Situation. Die Bundeskanzlerin setzt sich als trotzdem für Premiumautos deutscher Hersteller ein. So ein Scheiß. Sorry, dass dürfen Sie auch wirklich hinschreiben. Das ist wirklich das Allerletzte. Das kann man als Physikerin, die den Klimawandel verstanden haben sollte, nicht wünschen. Aus der Sicht der deutschen Regierung verständlich. Da geht es um die eigenen Arbeitsplätze.

Es ist wichtig dieses Dilemma überwinden zu können, doch das gestaltet sich einfach schwierig. Wir sind auch nicht dazu gemacht, dass wir in Weltgewissen denken. Wir sind eine Spezies und funktionieren wie alle anderen Säugetiere auch. Wir denken an unser eigenes Überleben und nicht an das einer anonymen Weltgemeinschaft.

SÜDWEISER: Wenn Sie Ihren Studenten jetzt noch etwas auf den Weg mitgeben könnten, was wäre das?

Prof. Cirpka: Mein Plädoyer an alle Studierenden ist eigentlich, dass man es sich nicht zu bequem macht. Die Dinge, die Sie jetzt für interessant halten, weil da so interessante Phänomene diskutiert werden und weil man viele Aspekte mitreinbringt, weil es da mal eben nicht so hart naturwissenschaftlich zugeht, das ist alles sehr schön. Was Ihnen aber später was bringt, ist ihre harte Grundausbildung. Das erkennt man aber erst, wenn man durch das ganze Studium durch ist. Diese Durststrecke, die viele so empfinden, dass man das jetzt alles so machen muss, das ist die Grundlage dafür, dass Sie später etwas machen können, was Hand und Fuß hat. Und lassen Sie sich auf kein Gelaber ein, sondern sachlich aufbauend auf den Grundlagen. Die meisten erkennen das dann relativ spät. Oh ja, das war doch sinnvoll, dass wir damals so harte Grundlagen gelernt haben, weil dadurch können wir die Prozesse wirklich gut verstehen und nicht nur ein bisschen darüber reden, wie schlimm wir alles finden.
SÜDWEISER: Zum Abschluss, eine Bemerkung. Sie sind Homer-Simpsons-Fan?

Prof. Cirpka: Ja. (Er lacht.) Wir sind ja alle Professoren, die hier ihre Persönlichkeit und Offenheit zeigen. Ich muss nicht im Anzug rumlaufen und auf Distanz zu den Studierenden gehen. Ich fand das Simpsons-T-Shirt sehr cool und habe es mir gekauft. Man vergibt sich da nichts. In Stuttgart haben die Professoren immer gedacht, sie könnten sich blamieren. Da gibt es jedes Jahr eine Bauingenieur-Olympiade, bei der alle Institute gegeneinander antreten. Nur die Professoren haben meistens gekniffen. Mein Problem beim Barbarafest ist, dass ich da meistens in San Francisco bin. Aber ich finde die Spielchen mit Professoren toll. Machen Sie das ruhig weiter. Vielleicht ist der Laden hier auch zu groß geworden. Es gab Zeiten, da waren alle Professoren beim Barbarafest. Die hätten sich das gar nicht leisten können, nicht zu kommen. Und es war normal, dass die da so richtig verarscht worden sind.

Ich hoffe, wir werden nicht als unnahbare Menschen wahrgenommen. Das hat mich bei den Amis stark beeindruckt, dass da eine so große Nähe zwischen Professoren und Studenten war. Viel größer. Man muss auch sagen, dass die Studenten auch ganz anders sind. Wenn ein Student eine Hausarbeit schreibt, hat der einen hohen Anspruch an sich selbst und an den Professor. Wenn er dann etwas nicht verstanden hat, dann ist er da hin und hat den Professor gefragt. Die Hausaufgaben, die die da gemacht haben, haben sich wirklich gewaschen. Aber dass man mal nachfrägt, das fällt deutschen Studenten irgendwie schwer. Gut, ich sag nicht, dass es keine dummen Fragen gibt. Ich weiß aber gar nicht, woher das kommt, dass man denkt, wenn ich eine schlechte Frage stelle, dann blamier ich mich. Ich kann Ihnen sagen, wenn Sie eine schlechte Antwort in der Prüfung schreiben, dann blamieren Sie sich viel mehr. Sie blamieren sich viel mehr, wenn Sie Grundprozesse in der Bachelorprüfung nicht erklären können. Eigentlich ist unsere Aufgabe, Ihren Denkapparat ins Laufen zu bringen. Sie müssen selber denken. Ich bin kein Halbgott und ich liebe Homer Simpson.

SÜDWEISER: Vielen Dank für das Interview.

 

Suedweiser

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