“Inwieweit sind wir bereit Risiken in unserem Land für unseren Energiekonsum einzugehen?”

Am 16.06.2014 war es soweit – die erste Podiumsdiskussion der Umweltplattform (Plattform 3, Umweltsystemanalyse) fand statt. Unter reger Teilnahme und einer eindeutigen Botschaft.

von Monique Patzner

Podiumsdiskussion im Audimax / © Monique Sézanne Patzner

Podiumsdiskussion im Audimax / © Monique Sézanne Patzner

 

Bei der Umweltplattform handelt sich dabei um eine über die Exzellenzinitiative eingerichtete Ebene, die es zur Aufgabe hat, die unterschiedlichen Forschungsbereiche an der Universität Tübingen besser zu vernetzen und eine interdisziplinäre, auf gesellschaftlich relevante Fragen fokussierte Plattform („Die Umweltplattform“) zu schaffen. Neben den naturwissenschaftlichen Disziplinen sind auch sozio-ökonomische Fachbereiche bis hin zu den Rechtswissenschaften und der Ethik vertreten. Konkrete Themen sollen in enger Kooperation mit außeruniversitären Stellen, wie z.B. dem Ministerium, Behörden, kleinen und mittleren Unternehmen, Industrie und Wirtschaftsverbänden verfolgt werden.
Die aktuell diskutierten Forschungsschwerpunkte auf der Umweltplattform sind unteranderem Wasserqualitäts- und Wasserquantitätsmanagement, Schadstoffe in der Umwelt, Umweltmonitoring und Sensortechnik sowie Global Change, insbesondere mit den Schwerpunkten Klima, Landnutzung und Biodiversität.

Bei der am Montag stattgefundenen Podiumsdiskussion handelte es sich um die erste Veranstaltung, die von der Umweltplattform organisiert wurde. Professor Peter Grathwohl begann mit einleitenden Worten, worauf  Professor Dietrich Borchardt als Moderator des Nachmittags die Leitung übernahm und die Referenten vorstellte. Insgesamt hatten sich fünf Referentenaus ganz Deutschland im gut gefüllten Audimax in der neuen Aula zusammengefunden, um über das Thema „Fracking“ zu diskutieren – Hydrogeologieprofessor Andreas Dahmke von der Universität Kiel, Henning Mümmler (Referent für Energiepolitik bei Oliver Krischer MdB, Bündnis 90 / Die Grünen, Berlin), PD Dr. Peter Suess von der Firma Wintershall aus Kassel, Uwe Dannwolf von RiskCom (The Risk Company ) aus Pforzheim und Professor Holger Weiss vom Helmholtz-Zentrum für Umweltfolgenforschung in Leipzig.

Ziel des Symposiums soll laut Plattform „eine Versachlichung des Themenkomplexe“ sein, sowie die Gelegenheit zur Diskussion von pro- und contra-Argumenten zum Thema „Fracking“.
Schnell wurde während der Veranstaltung ein gemeinsamer Konsens der Referenten deutlich: Sie fordern eine rationale Debatte ohne starke Emotionen. Anstatt „Fracking“ zu verteufeln, müsse man stattdessen die Risiken gegen andere Methoden zur Energiegewinnung abwägen.

Fracking – eine Technologie, die auf großen Widerstand in Deutschland stößt. Das fiel den Besuchern bereits vor der Veranstaltung auf, als sie am Eingang zum Audimax von einer Aktivistengruppe mit einem Flyer, getitelt mit „Nein zum Fracking – weltweit“ begrüßt wurden. Dannwolf sagte dazu: „Ohne politische Unterstützung wird es die Technologie in Deutschland schwer haben, sich durchzusetzen.“

Der Referent Dahmke rief zu einer differenzierten Betrachtung des Themas Fracking auf. Es gälte gut zu bedenken, welche Risiken man in Zukunft in Deutschland bereit sei einzugehen, um den enormen Energiekonsum unserer Lebensweise zu decken. Im Mittelpunkt steht hierbei die zentrale Frage:

Inwieweit sind wir Deutschen bereit Risiken in unserem Land für unseren Energiekonsum einzugehen?

Das in anderen Ländern für uns unter Verletzung der Menschenrechte Kohle abgebaut wird, wie zum Beispiel in Kolumbien, damit wir unseren Lebensstil beibehalten können, sei keine Lösung. Würden wir Technologien in unserem Land zu lassen, so seien wenigstens unsere Werte durch das Grundgesetz gewährleistet.

Außerdem gaben die Referenten zu bedenken, dass Fracking im Vergleich zu den Vereinigten Staaten hier unter hohen Umweltstandards stehe. „Die Bohrungen außerhalb von Deutschland sind eher schlampig“, so Dannwolf. Er stufe das Risiko eines Lecks bei den Bohrungen in den USA auf 1:1000 ein, in Deutschland sei jedoch nur mit einem Risiko von 1:1 Millionen zu rechnen.
Dies bekräftigte PD Dr. Suess vehement und zeigt einen Bohrplatzabsicherungsplan, auf dem ein versiegelter Bohrplatz und doppelte Auffangsysteme deutlich erkennbar sind.

Er verspricht eine fachgerechte Entsorgung aller anfallenden Flüssigkeiten und zeigt auf seiner nächsten Folie eine mehrfache Stahl-Zement-Verrohrung, die dem unkontrollierten Auslaufen von Frackadditiven im Falle eines Lacks entgegen wirken soll. Außerdem, so Suess, seien die Unternehmer doch selbstverpflichtet Prüfungen auf Verträglichkeit für Umwelt und Wasser durchzuführen und offen, sowie transparent ihr Handeln an die Bürger zu kommunizieren. Empörte Zwischenrufe weisen darauf hin, dass genau das nicht der Fall sei, siehe Zwischenfall BP im Golf von Mexiko 2010.

Man müsse bedenken, dass alle Technologien Risiken mit sich bringen, so Dannwolf. Er nannte einige Beispiele wie Stromtrassen, die einen Eingriff in die Landschaft bedeuten, oder Biogaserzeugung, bei der Unmengen an Herbiziden gespritzt würden.

Suess weist außerdem darauf hin, dass in Deutschland bereits 1961 der erste Frac durchgeführt worden und der Begriff „Fracking“ klar zu definieren sei. Das bekräftigen auch die anderen Referenten. In den Medien würde man ständig über „Fracking“ reden, aber er sei nicht klar definiert.

Im Moment plant die Bundesregierung ein Gesetz, das Gras-Fracking unter Auflagen zulassen soll. Henning Mümmler teilte dem Publikum mit, dass dies aber nicht so schnell kommen würde. Die Koalition sei sich einig noch die drei kommenden Landtagswahlen abzuwarten.

Alle Referenten stimmen einstimmig zu: Wenn Fracking in Deutschland betrieben werden soll, dann nur unter strengen Umweltstandards und Kontrollen. Ein Gesetz soll her, indem Trinkwasserschutzgebiete klar vom Fracking ausgeschlossen werden. Das man in der Nähe von Konstanz eine Einsicht beantragt hat, die bewilligt worden ist, sei bei der aktuellen Debatte in Deutschland zum Thema „Fracking“ und der Förderung der Akzeptanz in der Bevölkerung keineswegs hilfreich gewesen, meinte PD Dr. Suess von Wintershall.

Noch müsse man sich noch immer auf das Bundesberggesetz berufen, dass aber nicht mehr den aktuellen Diskussionen standhält – ist es doch nun im Jahr 2014 stark veraltet, wenn es 1982 in Kraft getreten ist.
Man darf nicht vergessen, dass sich im Moment das Fracking in Deutschland aufgrund der niedrigen Erdgas-Preise wahrscheinlich noch gar nicht rentieren würde. Dahmke merkt aber an, dass sich, beim Verzichten auf die Methode, die Lieferanten von konventionellem Erdgas freuen würden.
Außerdem fällt während des Symposiums die Zahl 13. Nur dreizehn Jahre lang könnte man nach dem derzeitigen Stand durch Fracking-Gas aus Deutschland den Bedarf im eigenen Land decken. Also nur eine Übergangstechnologie, aber keine Lösung.

Am Ende ist Dr. Hermann Rügner, Plattformkoordinator, zufrieden, trotz Kritik, dass zu wenig Zeit zum richtigen Diskutieren war und die Referenten zu einseitig ausgesucht worden seien. „Es war unsere erste Podiumsdiskussion.“ Er lächelt. Die nächste sei schon geplant zum Thema „Energiewende“ und man würde sicherlich bald mehr Erfahrungen sammeln, auf denen man dann aufbauen könne, so Rügner. Er ist froh über den regen Besuch, auch von den Studenten, und bedankt sich für die Inputs.

Bleibt am Ball und erfahrt mehr über kommende Veranstaltungen, hier bei uns – beim SÜDWEISER, der in enger Zusammenarbeit mit der Plattform steht und auch folgende Veranstaltungen begleiten wird. 

http://www.uni-tuebingen.de/forschung/exzellenzinitiative/plattformen/umweltsystemanalytik.html

admin.suedweiser

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