Biodiversität und Jugendpartizipation auf internationalem Parkett

Helene Heyer studiert mit uns in Tübingen und engagiert sich auf internationaler Ebene für den Erhalt der Biodiversität. Dieses Jahr war sie bei der Convention on Biological Diversity (CBD), in Pyeongchang (Südkorea) und gab der internationalen Jugend eine Stimme.

Der Jugend eine Stimme geben mit Helene Heyer

“Der Jugend eine Stimme geben” mit Helene Heyer

 

Von Helene Heyer:

“Wie oft sind wir ihr schon über den Weg gelaufen – beim Pilze suchen im Wald, am Meer oder auf dem Gipfel. Und wie oft haben wir sie schon vermisst: Kein Grün auf der grauen Autobahn, keine Farbtupfer im monotonen Weizenfeld und keine Bienchen auf unserem Balkon. Die Rede ist hier von Biodiversität, klar. Biologische Vielfalt als unsere gemeinsame Lebensgrundlage ist ein unglaublicher Schatz und ein wundersames, komplexes Kunstwerk. Jede einzelne Schraube, jedes noch so winzige Zahnrad dreht sich und trägt einen kleinen Teil zum Funktionieren des Ganzen bei. Wenn sich nur eine Schraube am Fahrrad löst und die Bremsen versagen, schlittert das Rad samt Fahrerin ungehindert den Hang runter. In zu kurzer Zeit ist es zu oft passiert, dass durch äußere, meist anthropogene Einflüsse und dem Klimawandel wichtige Stellschrauben der Natur gelockert wurden und so Mutter Erde in akute Gefahr brachten. Nur gibt es im Werkzeugkoffer der Natur keine Ersatzteile. Das ökologische Gleichgewicht wankt beträchtlich hin und her, und die wahnsinnigen Wogen des Klimawandels sind überall zu spüren.

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Eindrücke auf der Reise. / © Helene Heyer

 

Um Biodiversität zu schützen, sie nachhaltig zu nutzen und all die Vorteile, die sie mit sich bringt, über mehrere Generationen und dem gesamten Globus hinweg gerecht zu verteilen, dafür kann ein jeder Mensch wie Du einen kleinen Anteil liefern. Zum Beispiel, indem der eigene Konsum überdacht wird und Mensch sich fragt: „Wie viel ist genug?“. Ganz allgemein fängt Umwelt- und Naturschutz bei uns Einzelnen an („Act local, think global“), und um effektiv wirksam zu sein, muss dieser über Ländergrenzen hinweg reichen.

Unsere Konferenzausweise. / © Helene Heyer

Unsere Konferenzausweise. / © Helene Heyer

Um genau das zu erreichen, gibt es auf internationaler Ebene das Übereinkommen über biologische Vielfalt der Vereinten Nationen – Convention on Biological Diversity (CBD). Diese Konferenz ist mit den Klimarahmenverhandlungen und der Konferenz zu Desertierung 1992 auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung UNCED in Rio de Janeiro hervorgegangen. Die CBD tagt alle zwei Jahre, zuletzt vom 06. bis 19. Oktober 2014. Dieses Mal fand die Konferenz mitten in den Bergen Südkoreas statt, in Pyeongchang. Am selben Ort werden 2018 die olympischen Winterspiele stattfinden. Wie diesen Oktober, kommen alle Vertragsstaaten (momentan sind das 194, außer den USA) zusammen, um gemeinsam international und völkerrechtlich bindende Regeln festzulegen. Diese Regeln betreffen den Umgang mit Biodiversität und beschäftigt sich mit den drei Hauptfragen Schutz, nachhaltige Nutzung und den gerechten Vorteilausgleich, welcher bei der wirtschaftlichen Nutzung von genetischen Ressourcen entsteht. Das verdeutlicht, dass die CBD aus einem anthropozentrischen Gedanken hervorgegangen ist, und nicht etwa aus einem holistischem Ansatz, welcher allem Existierenden einen Selbstwert zuweist.

Mit welcher Begründung auch immer Biodiversität erhaltenswert ist – ein Punkt, der erwähnt werden muss, ist Generationengerechtigkeit. Deshalb war ich dieses Mal in Pyeongchang dabei, um uns – der Jugend – eine Stimme zu geben. Es ist unsere Erde und unsere gemeinsame Zukunft, über die verhandelt wird! Die Naturschutzjugend NAJU hat dank finanzieller Unterstützung des Bundesamt für Naturschutz (BfN) das Projekt „Voices for Biodiv – deutsche Jugenddelegation biologische Vielfalt“ ins Leben gerufen. Die sechsköpfige Jugenddelegation ist Teil des globalen Jugend-Biodiversitätnetzwerk GYBN, welches junge Aktive aus aller Welt vereint. In Pyeongchang waren insgesamt 36 Jugendliche aus Bolivien, Brasilien, Kanada, Tschechien, Korea, Japan, Indien, Rwanda,  Äthiopien und Deutschland vor Ort und haben die Stimme der Jugend auf internationaler Ebene sprechen lassen. Zum Beispiel, als sich GYBN mit dem Exekutivsekretär der CBD oder der deutschen Staatssekretärin getroffen hat, um zu appellieren, dass über unsere Zukunft verhandelt wird. Zwar gibt es einen sogenannten strategischen Plan bis 2050, welcher u.a. vorsieht dass bis zu diesem Zeitpunkt die Menschheit in Harmonie mit der Natur lebt und den Wert der Biodiversität erkannt hat. Um das zu erreichen, gibt es zusätzlich die UN-Dekade biologische Vielfalt von 2010 bis 2020, mit jeweils 5 Hauptzielen. Nach momentanen Stand der Implementierung wird kein einziges Land diese Ziele erreichen.

Pyeongchang / © Google Earth

Pyeongchang / © Google Earth

Wir Jugendliche haben uns dennoch nicht entmutigen lassen. Gemeinsam mit anderen Stakeholdern haben wir die Verhandlungen beobachtet und Interventionen zu den jeweiligen Verhandlungsthemen gehalten. Das funktioniert so: Im Plenum haben zuerst die einzelnen Länder bzw. Ländergruppen (wie die EU) das Wort. Anschließend haben die Stakeholder, wie die Jugend, Indigene, NRO oder die Wirtschaft die Möglichkeit, vor den Vereinten Nationen zu sprechen – eine Intervention. Dafür muss zur richtigen Zeit so schnell wie möglich eine Art Buzzer gedrückt werden, um so Rederecht zu erhalten. Anschließend bleiben 30 Sekunden, um die Intervention vorzutragen. Bei uns war das unter anderem zu Jugendpartizipation im Allgemeinen, Schutz von Ökosystemen und mariner Biodiversität.

Das allein reicht nicht aus, um die kommenden Generationen vor den Gefahren, welche mit dem Verlust von biologischer Vielfalt einhergehen, zu bewahren. Die Verhandlungen in Südkorea sind das letzte Glied in einem langen Prozess. In den zwei Jahren zwischen den Konferenzen finden jeweils zwei wissenschaftliche Ausschüsse (in Montreal, dort sitzt das Sekretariat) statt, bei denen vorab kräftig lobbyiert und genetzwerkt wird, wie auch in Pyeongchang beispielsweise beim gemeinsamen Abendessen oder der kurze Informationsaustausch auf dem Gang. Das Lobbyieren macht einerseits riesig viel Spaß: Menschen zu motivieren und zu beeinflussen. Auf Dauer ist das sehr anstrengend, denn es bleibt kaum eine ruhige Minute zu verschnaufen. Zwischen den Verhandlungsblöcken finden sogenannte „Side Events“ statt, welche von den einzelnen Ländern und/oder Stakeholdern veranstaltet werden. Meist finden bis zu 8 „Side Events“ parallel statt. Das Ziel dieser Veranstaltungen ist es, gezielter auf spezielle Themen Einfluss zu nehmen und Zusatzinformationen zu liefern. Natürliche hatte GYBN ebenfalls die Gelegenheit, sich dabei zu präsentieren.

Global Youth Biodiversity Network (GYBN) / © Helene Heyer

Global Youth Biodiversity Network (GYBN) / © Helene Heyer

Eine weitere Aktion, die hier noch erwähnt werden sollte, ist unsere Kampagne „A specie to speak for“. Dafür wurden Buttons gedruckt, auf denen diverse Pilze, Pflanzen oder Tiere abgebildet sind. Diese Buttons wurden an die Delegierten verteilt, um so auf das Schicksal einzelner Arten hinzuweisen, über deren Schicksal entschieden wird.

Für mich war die Zeit in Korea eine durchweg positive Erfahrung. Natürlich bin ich vorher ein wenig umher gereist, um Land und Leute kennenzulernen. Ein faszinierendes Land! Was die Zeit in Pyeongchang betrifft, konnte ich meinen englischen Wortschatz verbessern, schließlich sind die bürokratischen Verhandlungstexte in den offiziellen UN-Sprachen verfasst. Ich habe mein Wissen über Biodiversität vertieft (ich hab mich intensiv mit Biokraftstoffen und mariner Biodiversität, speziell Plastik in den Ozeanen, befasst). Die CBD war meine erste internationale Konferenz der Vereinten Nationen und ich habe einen tieferen Einblick bekommen, wie UN-Politik praktisch funktioniert und viele fantastische Menschen getroffen. Eine ernüchternde Erkenntnis ist, wie ungemein schwierig es sein kann, eine international verbindliche Forderung fürs Protokoll zu vereinbaren. Natürlicherweise herrscht ein Interessenkonflikt. Es braucht nur einen Staat, welcher sämtliche Vorschläge und Zugeständnisse anderer Staaten blockiert, und die Entscheidungsfindung verschiebt sich weiter Richtung Zukunft, denn alle Entscheidungen müssen im Konsens vereinbart werden. Glücklicherweise gibt es (noch) keine Weltpolizei, dennoch halte ich es für schlecht, dass es keine Sanktionen gibt für die Länder, die sich nicht an die Beschlüsse halten, obwohl diese völkerrechtlich bindend sind. Ich selber freue mich nun auf den weiteren Verlauf des Projekts, bei dem wir Jugenddelegierte für Biodiversität werben und zeigen, dass Jugendbeteiligung auf internationalem Parkett ganz einfach ist.

© Helene Heyer

© Helene Heyer

Wie heißt es so schön: Nach der CBD ist vor der CBD…

Wer mehr über die Erlebnisse der Jugenddelegation auf der CBD erfahren möchte, wie es der Delegation auf ihrer Deutschlandtour 2015 geht, oder sich für die Jugenddelegation 2016 interessiert (es geht nach Mexiko!) kann sich unter www.voiceforbiodiv.de informieren, oder mir einfach eine Mail schreiben (helene.heyer@student.uni-tuebingen.de).” “

admin.suedweiser

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